Haiga - Die Komposition
Die Wurzeln des
haiga liegen in der chin.
nanga-Malerei.
Nanga (Abkürzung für nanshuga)
- oder auch bunjin-ga genannt
(Literatenmalerei) - ist eine Richtung der ostasiatischen Malkunst und
bedeutet „südliche Malerei“, im Unterschied zu hokuwa, der
„nördlichen Malerei“ (Berufsmalerei). Beide
wurden etwa 1550 nach dem
Beispiel der nördlichen und südlichen Schule
des Zen-Buddhismus aufgestellt.
In ihren Werken lehnten die Maler der Südschule (gelehrte Beamte, die
die Malerei zum Selbstvergnügen betrieben und darin ein Ausdrucksmedium
ihrer Persönlichkeit sahen) eine rein äußerliche Ähnlichkeit mit den
dargestellten Objekten ab. Sie malten in einem anderen Stil als
Berufskünstler, deren Arbeiten durch Auftragswünsche und Bezahlung
bestimmt wurden. Die Literatenmaler erstrebten die Wiedergabe
subjektiver Empfindungen mittels einer individualistischen
Pinselsprache. Beliebte Motive waren Landschaften, die den Wunsch nach
Naturverbundenheit und paradiesischen Zuständen widerspiegelten. Ihnen
war die Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit und eine ästhetische
Verfeinerung des Lebens wichtig.
Diese Ideale wurden von japanischen Malern übernommen, die sich so aus
den akademischen Beschränkungen der Kano- und Tosa-Schulen lösten. Für die japanischen Literatenmaler waren vor
allem die Malereimanualen „Acht Arten der Malerei“ (Hasshû gafû) und das
„Malkompendium aus dem Senfkorngarten“ (Kaishien gaden) von herausragender Bedeutung. Aus ihnen bezogen die
japanischen Künstler ihre Inspirationen bezüglich Komposition und
Ausdruck. Ursprünglich von Künstlern in Kyoto ins Leben gerufen,
breitete sich die Literatenmalerei allmählich bis in die östlichen
Regionen Japans aus.
Die Entstehung und Entwicklung des
haiga begann etwa ab dem 17.
Jahrhundert und es waren Haiku-Dichter, die dem
haiga seine besonderen
Merkmale gaben. So studierte Matsuo Basho (1644-1694) gegen Ende seines
Lebens Malerei unter seinem Schüler Morikawa Kyoriku. Es entstand eine
Reihe gemeinsamer Werke, in denen Kyorikus Malereien mit Bashos
Gedichten und Kalligraphien kombiniert wurden. Yosa Buson (1716-1783),
der als Vater des haiga
angesehen wird, nannte es noch haikai-butsu no soga.
Nanga ist ein Gedicht in Farben, Haiku ein Gemälde in Worten –
haiga ist eine Komposition
aus Bild und Gedicht in einem. Dem wird als weiteres wesentliches
Element die Kalligraphie hinzugefügt.
Das haiga folgt den
Haiku-Regeln: Nüchternheit, Sparsamkeit, Einfachheit. Sowohl das Gedicht
als auch das Bild haben eine starke evokative und suggestive Kraft. Das
traditionelle haiga ist mit
Tusche gemalt (moderne Techniken bieten inzwischen eine große Bandbreite
an Gestaltungsmöglichkeiten, die zunehmend ihre Anwendungen finden:
Fotografien, Collagen, digitale Bilder, Druckgrafiken etc.). Allerdings
ist das Bild keineswegs nur Abbildung und es spiegelt auch nicht direkt
das Gedicht wieder – und umgekehrt. So kann ein
haiga mit Hilfe der
Juxtaposition gestaltet werden, ein Nebeneinander bzw. eine
Gegenüberstellung von Haiku und Bild, aus dem heraus sich ein Spannungsgefüge entwickeln kann. Oder
aber die beiden Komponenten sind eine Erweiterung des jeweils anderen.
Ein Teil des Bildes bleibt ungemalt (offen) – Raum für die Phantasie des
Betrachters.
Die Kombination von bildhaftem und poetischem Material ist besonders in
den sogenannten „hohen Kulturen“ nur selten anzutreffen. Dies überrascht
vielleicht umso mehr, wenn man bedenkt, dass das Visuelle und das
Verbale, die häufigsten und mächtigsten Elemente der Kommunikation sind.
Aber genau deshalb stellen sie das Komponieren eines
haiga vor eine große
Herausforderung. Haiga ist
per Definition eine kombinatorische Kunst, die sowohl Bild- als auch
Wortbestandteile enthält. Dadurch erhöht sich die Komplexität bei der
Interpretation der Interaktion dieser beiden starken Elemente und die
angestrebte Einfachheit erweist sich in ihrer Umsetzung und Gestaltung
als eine nicht leicht zu lösende Aufgabe.
Das haiga zielt auf eine
Gegenüberstellung zwischen dem Bild und dem „Bild“ des begleitenden
Haiku. Diese Elemente dergestalt im Gleichgewicht zu halten, dass jedes Teil ein integraler
Bestandteil des Ganzen ist, gilt es zu erreichen. Je objektiver,
realistischer oder geschlossener das Bild oder Gedicht ist, desto
weniger wird es wahrscheinlich in der Lage sein, ausreichend mit seinem
Pendant zu interagieren. Daraus ergibt sich die Frage: Wie viel bleibt
für den Betrachter zu ergründen gegenüber dem, was er sehen kann?
Bei zu großer Offenheit der beiden Elemente hingegen steuert das
haiga zu stark in
unterschiedliche Interpretationsrichtungen.
Aufgrund einer hinreichend offenen visuellen Ebene und einem
nachhallenden Gedicht entsteht jedoch ein Freiraum, der das Interesse
des Betrachters herausfordert und auffordert, sich selbst mit seinen
Gefühlen und Gedanken in diesem Spannungsgefüge einzubringen.
Claudia Brefeld
(12-4-2009)
Literatur:
Wissen.de – Bildung (Stand 12-4-2009):
http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/bildung/index,page=1197026.html
Wikipedia – Nanga (Stand 12-4-2009):
http://en.wikipedia.org/wiki/Nanga_(art)
DGOK – Naumann-Ausstellung (Stand 12-4-2009):
http://www.dgok.de/dgok-ausstellung01_naumann.html
Kazumi Cranney (Stand 12-4-2009):
http://www.kazumiart.com/haigasumie.htm
CWAnswers – haiga (Stand 12-4-2009):
http://www.cwanswers.com/8921/haiga
World Haiku Review – Susumu Takiguchi (Stand 12-4-2009):
http://www.worldhaikureview.org/3-2/poetrybrush_st.shtml
HAL – Sabine Savornin (Stand 12-4-2009):
http://hal.archives-ouvertes.fr/docs/00/26/98/68/PDF/Du_haiga_et_de_l_ecriture_picturale_Sabine_Savornin_HAL_En_c.pdf
Simply Haiku – Jim Kacian (Stand 12-4-2009):
http://www.poetrylives.com/SimplyHaiku/SHv2n5/reprints/Jim_Kacian/pages/01.html
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