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Claudia Brefeld                                                                     artgerecht & ungebunden

 


Claudia Brefeld: Haiga

 

 

Haiga - Die Komposition

Die Wurzeln des haiga liegen in der chin. nanga-Malerei.

Nanga
(Abkürzung für nanshuga) - oder auch bunjin-ga genannt (Literatenmalerei) - ist eine Richtung der ostasiatischen Malkunst und bedeutet „südliche Malerei“, im Unterschied zu hokuwa, der „nördlichen Malerei“ (Berufsmalerei). Beide wurden etwa 1550 nach dem Beispiel der nördlichen und südlichen Schule des Zen-Buddhismus aufgestellt.

In ihren Werken lehnten die Maler der Südschule (gelehrte Beamte, die die Malerei zum Selbstvergnügen betrieben und darin ein Ausdrucksmedium ihrer Persönlichkeit sahen) eine rein äußerliche Ähnlichkeit mit den dargestellten Objekten ab. Sie malten in einem anderen Stil als Berufskünstler, deren Arbeiten durch Auftragswünsche und Bezahlung bestimmt wurden. Die Literatenmaler erstrebten die Wiedergabe subjektiver Empfindungen mittels einer individualistischen Pinselsprache. Beliebte Motive waren Landschaften, die den Wunsch nach Naturverbundenheit und paradiesischen Zuständen widerspiegelten. Ihnen war die Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit und eine ästhetische Verfeinerung des Lebens wichtig.

Diese Ideale wurden von japanischen Malern übernommen, die sich so aus den akademischen Beschränkungen der Kano- und Tosa-Schulen lösten. Für die japanischen Literatenmaler waren vor allem die Malereimanualen „Acht Arten der Malerei“ (Hasshû gafû) und das „Malkompendium aus dem Senfkorngarten“ (Kaishien gaden) von herausragender Bedeutung. Aus ihnen bezogen die japanischen Künstler ihre Inspirationen bezüglich Komposition und Ausdruck. Ursprünglich von Künstlern in Kyoto ins Leben gerufen, breitete sich die Literatenmalerei allmählich bis in die östlichen Regionen Japans aus.

Die Entstehung und Entwicklung des haiga begann etwa ab dem 17. Jahrhundert und es waren Haiku-Dichter, die dem haiga seine besonderen Merkmale gaben. So studierte Matsuo Basho (1644-1694) gegen Ende seines Lebens Malerei unter seinem Schüler Morikawa Kyoriku. Es entstand eine Reihe gemeinsamer Werke, in denen Kyorikus Malereien mit Bashos Gedichten und Kalligraphien kombiniert wurden. Yosa Buson (1716-1783), der als Vater des haiga angesehen wird, nannte es noch haikai-butsu no soga.

Nanga ist ein Gedicht in Farben, Haiku ein Gemälde in Worten – haiga ist eine Komposition aus Bild und Gedicht in einem. Dem wird als weiteres wesentliches Element die Kalligraphie hinzugefügt.

Das haiga folgt den Haiku-Regeln: Nüchternheit, Sparsamkeit, Einfachheit. Sowohl das Gedicht als auch das Bild haben eine starke evokative und suggestive Kraft. Das traditionelle haiga ist mit Tusche gemalt (moderne Techniken bieten inzwischen eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten, die zunehmend ihre Anwendungen finden: Fotografien, Collagen, digitale Bilder, Druckgrafiken etc.). Allerdings ist das Bild keineswegs nur Abbildung und es spiegelt auch nicht direkt das Gedicht wieder – und umgekehrt. So kann ein haiga mit Hilfe der Juxtaposition gestaltet werden, ein Nebeneinander bzw. eine Gegenüberstellung von Haiku und Bild, aus dem heraus sich ein Spannungsgefüge entwickeln kann. Oder aber die beiden Komponenten sind eine Erweiterung des jeweils anderen. Ein Teil des Bildes bleibt ungemalt (offen) – Raum für die Phantasie des Betrachters.

Die Kombination von bildhaftem und poetischem Material ist besonders in den sogenannten „hohen Kulturen“ nur selten anzutreffen. Dies überrascht vielleicht umso mehr, wenn man bedenkt, dass das Visuelle und das Verbale, die häufigsten und mächtigsten Elemente der Kommunikation sind. Aber genau deshalb stellen sie das Komponieren eines haiga vor eine große Herausforderung. Haiga ist per Definition eine kombinatorische Kunst, die sowohl Bild- als auch Wortbestandteile enthält. Dadurch erhöht sich die Komplexität bei der Interpretation der Interaktion dieser beiden starken Elemente und die angestrebte Einfachheit erweist sich in ihrer Umsetzung und Gestaltung als eine nicht leicht zu lösende Aufgabe.

Das haiga zielt auf eine Gegenüberstellung zwischen dem Bild und dem „Bild“ des begleitenden Haiku. Diese Elemente dergestalt im Gleichgewicht zu halten, dass jedes Teil ein integraler Bestandteil des Ganzen ist, gilt es zu erreichen. Je objektiver, realistischer oder geschlossener das Bild oder Gedicht ist, desto weniger wird es wahrscheinlich in der Lage sein, ausreichend mit seinem Pendant zu interagieren. Daraus ergibt sich die Frage: Wie viel bleibt für den Betrachter zu ergründen gegenüber dem, was er sehen kann?

Bei zu großer Offenheit der beiden Elemente hingegen steuert das haiga zu stark in unterschiedliche Interpretationsrichtungen.

Aufgrund einer hinreichend offenen visuellen Ebene und einem nachhallenden Gedicht entsteht jedoch ein Freiraum, der das Interesse des Betrachters herausfordert und auffordert, sich selbst mit seinen Gefühlen und Gedanken in diesem Spannungsgefüge einzubringen.

Claudia Brefeld  (12-4-2009)

 

 

Literatur:

 

Wissen.de – Bildung (Stand 12-4-2009):
http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/bildung/index,page=1197026.html

 

Wikipedia – Nanga (Stand 12-4-2009):
http://en.wikipedia.org/wiki/Nanga_(art)

 

DGOK – Naumann-Ausstellung (Stand 12-4-2009):
http://www.dgok.de/dgok-ausstellung01_naumann.html

 

Kazumi Cranney (Stand 12-4-2009):
http://www.kazumiart.com/haigasumie.htm

 

CWAnswers – haiga (Stand 12-4-2009):
http://www.cwanswers.com/8921/haiga

 

World Haiku Review – Susumu Takiguchi (Stand 12-4-2009):
http://www.worldhaikureview.org/3-2/poetrybrush_st.shtml

 

HAL – Sabine Savornin (Stand 12-4-2009):
http://hal.archives-ouvertes.fr/docs/00/26/98/68/PDF/Du_haiga_et_de_l_ecriture_picturale_Sabine_Savornin_HAL_En_c.pdf

 

Simply Haiku – Jim Kacian (Stand 12-4-2009):
http://www.poetrylives.com/SimplyHaiku/SHv2n5/reprints/Jim_Kacian/pages/01.html

 

 

 

 


Claudia Brefeld: Haiga


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letzte Änderung: 5-10-2012