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Claudia Brefeld                                                                     artgerecht & ungebunden




Claudia Brefeld: Kurzgeschichten
 




Leselust

 

Also, wenn ich mich genau zu erinnern versuche, hat Vater wenig gelesen. Nein, eigentlich hat er gar nicht gelesen. Sicherlich, er las die Tageszeitung. Aber die hatte für ihn nur Informationswert. Er war ja schließlich Geschäftsmann und wollte politisch und gesellschaftlich „auf dem Laufenden sein“, wie er immer gerne betonte.

 

Nein, ich meine richtig lesen! Bücher, Romane, die mich Seite für Seite tiefer in die Schicksale fremder Menschen ziehen, die mich mitreißen und atemlos werden lassen, bis ich erschöpft und aufgewühlt zugleich am Ende das Buch  zuklappen lassen kann.

 

Diese Welt liebte mein Vater nicht. Zeitvergeudung nannte er das. Dabei achtete er damals auf eine standesgemäße Erziehung und so besuchte ich die höhere Töchterschule. Lesen sollte bilden, alles andere ließ er nicht gelten.

 

Und Mutter? Ach, Mutter hat mich verstanden, hatten wir doch beide die gleiche Leidenschaft.

 

Was gab es Schöneres, als am Ende einer langen Einkaufsliste noch etwas Zeit zu haben und in eine der Nebengassen in eine Buchhandlung zu schlüpfen. Schon mit dem Öffnen der Ladentür umfing uns der unwiderstehliche Geruch von Papier und Druck und zog uns magisch hinein.

Ein besonderer Einkaufstag war für uns ein sparsamer Einkaufstag. Dann blieb Geld übrig für ein kleines Buch im Antiquitätenladen. Die Entscheidung fiel nicht schwer, hatten wir doch schon lange vorher unsere Wahl getroffen.

 

Dienstagabends kam immer unsere gute Stunde. Das war Vaters Herrenabend. Wenn er sich ein letztes Mal über den Schnurbart strich, seinen Spazierstock aus der Ecke holte und uns eine gute Nacht wünschte, schnappte kurz darauf die Tür leise ins Schloss. Wir atmeten einmal tief durch und endlich holte Mutter das Buch aus dem Korb mit der Flickwäsche. Gemütlich kuschelten wir beieinander und schon nach dem ersten Satz unseres geheimen Schatzes, befanden wir uns auf einer unbekannten Zeitreise...

in: Zeitschrift EFiD 3/2008

 

 

 



 

Die Kette

 

Sie stand am Fenster. Ihre Mutter trat gerade unten aus der Haustür und ging mit eiligen Schritten die Straße entlang. Elisabeth ließ die Gardine sinken. Ihr Herz klopfte. Vater war aus dem Krieg heimgekehrt und Mutter ging ihm jetzt entgegen, holte ihn vom Bahnhof ab. Elisabeth rührte sich nicht von der Stelle hinter der Gardine und nach einer Stunde sah sie endlich die beiden kommen: ihre Mutter mit einem fremden Mann an ihrer Seite. Sie hörte, wie Maria und Willi die Treppe hinunter stürmten und zögernd ging Elisabeth hinter ihnen her. Unten, schon in der Küchentür, fielen Maria und Willi laut und stürmisch dem Vater um den Hals. Ein großer, hagerer und ernster Mann stand dort in der Küchentür, hielt die beiden großen Kinder fest und still in seinen Armen und erst nach einer Weile löste er sich langsam aus ihren Umarmungen. „Lisbeth, komm doch her. Willst Du Deinen Vater nicht begrüßen?“ Etwas energisch schob die Mutter Elisabeth auf den Fremden zu. Elisabeth schaute hoch. Wie groß er war und wie dünn. Ernst blickten zwei Augen auf die kleine Elisabeth. „Lisbeth“, sagte er leise. Er legte seine Hände auf ihre Schultern und zog sie an sich. Ein fremder Geruch strömte aus dem Militärsmantel. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um sein Gesicht sehen zu können - sein fremdes Gesicht. „Onkel“, murmelte sie. „Aber Lisbeth!“ Vorwurfsvoll schwebte die Stimme ihrer Mutter im Raum. „Lass mal, Johanna, sie kennt mich ja nicht.“ Seine Augen schauten still zu ihr herunter. Fünf Jahre hatte der Krieg gedauert und Elisabeth würde erst in paar Monaten fünf werden. Wieder schaute sie hoch – in sein fremdes Gesicht. Zu Herrn Schulte sagte sie auch immer Onkel. Das war der Nachbar und den kannte sie ganz gut. Aber dieser Mann war ihr fremd, fremd - und so still.

 

Die Tage vergingen. Die hagere Gestalt des Vaters begleitete von nun an den Alltag, sein Gesicht blieb ernst, er sprach nur wenig. Oft stand er am Fenster, schaute lange hinaus. „Onkel“, sagte sie immer noch leise zu ihrem Vater. Die Bitten der Mutter konnten nichts daran ändern.

 

Eines Tages rief er sie zu sich in die Küche. „Lisbeth, schau, ich habe eine Kette für dich.“. Er hob sie auf den Schoß. Die eine Hand ruhte auf ihren Schultern, mit der anderen Hand hielt er eine Kette hoch. Eine Kette aus leuchtend roten Glasperlen. "Lisbeth, sag' doch - bitte - Vater zu mir". Wieder schaute Elisabeth in die großen ernsten Augen, wie so oft schon. Ihr Herz schlug wild bis zum Hals. Sie schluckte und schluckte, schaute zur Kette dann wieder zu den großen fremden Augen. Sie öffnete den Mund, holte tief Luft ... „Onkel“ flüsterte ihre raue Stimme. Die große Hand glitt von ihrer Schulter. „Ach, Deern“, sagte ihr Vater unwillig und enttäuscht mit leiser Stimme, „dann geh.“ Sie rutschte von seinem Schoß, eilte aus der Küche - im Türrahmen dreht sie sich nochmals um, sah ihren Vater gebeugt und mit gesenktem Kopf am Küchentisch sitzen. Die Kette hing an seiner Hand herab. Ihr Blick verschwamm - so stürzte sie aus der Küche und rannte über den Hof.

 

Das leise Klickern, als die Kette auf den Boden fiel, hörte sie nicht mehr.

 

 

 

 

Überall

 

Der kleine, alte Herr trat durch die Haustür ins Freie. Ein trüber Himmel lag über der Stadt; vor ihm die breite Chaussee. Er hatte wieder einen langen Weg vor sich. Tief sog er die frische Luft ein und ihm wurde ein wenig leichter. Er setzte den kleinen, schwarzen Hut auf, mischte sich zögerlich unter die Vorübereilenden und ging langsam die Straße hinunter. Sofort zog der Strom der Leute ihn mit und hastige Geschäftigkeit überholte ihn. Gesprächsfetzen umschwirrten seinen Kopf. Gesprächsfetzenmenschen drängelten vorbei, redeten hastig, hasteten weiter, redeten, redeten, von sich, von sich, von sich .......  keiner hörte zu. Tief drangen diese Ichgesprächsfetzen in den Kopf des kleinen, alten Herrn. Sie benebelten ihn. Er ging weiter, wurde angerempelt. Er protestierte; doch sein Protest ging in den Ichgesprächsfetzen unter. Manchmal hob jemand seinen Kopf, dann glitt der Blick durch den kleinen, alten Herrn hindurch.

 

Ein leichter Schauder flog über seine Schultern. Mit der linken Hand zog er den Mantelkragen enger um den Hals, die Rechte suchte die Manteltasche.

Ein paar Sonnenstrahlen schoben sich oben an den schweren Wolken vorbei, malten hellgraue Flecken auf den dunklen Asphalt. Der kleine, alte Herr bahnte sich einen Weg über die Straße und schlüpfte schnell durch eine Tür zu den Nachbarn hinein.

 

„Habt ihr es schon bemerkt? Es ist wieder überall!“ sagte der kleine, alte Herr.

Erschrocken richteten sich alle Blicke auf ihn. Sie überschütteten ihn mit ihren Fragen, mit ihren Ängsten, mit ihren Sorgen - um sich, um sich ....... alle redeten durcheinander. Es wurde laut und hektisch, Forderungen wurden gestellt; Streit entbrannte.

 

Leise stand der kleine, alte Herr wieder auf und verließ wortlos das Haus.

Er schaute zum Himmel. Es hatte zu regnen angefangen. Während er noch bedächtig seinen Schirm öffnete, schlüpfte unerwartet ein kleiner Junge mit darunter. Aufmerksam schauten seine Augen den kleinen, alten Herrn an.