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Claudia Brefeld                                                                     artgerecht & ungebunden

 


Sequenz

 

Die Sequenz zählt in der Haiku-Dichtung zu den Kettengedichten. Sie kann sowohl von einem als auch von mehreren Autoren geschrieben werden. Auch unterliegt sie weder den komplexen Regeln der renku-Dichtung noch muss sie in dem Maße die Haiku-Qualität ihrer einzelnen Verse wie bei einem Rengay erfüllen.

Die Anzahl der Haiku-Verse ist nicht festgelegt. Eine Folge von dreizeiligen Versen als auch ein Wechsel von drei- und zweizeiligen Versen ist möglich. Der inhaltliche zeitliche Rahmen bei einer Sequenz ist nicht so flexibel, wie beim Rengay, d. h. eine Sequenz ist eher chronologisch aufgebaut und folgt einem ansteigenden Muster.




Claudia Brefeld: Sequenzen

 

 


Ganz normale Männer*



unvorbereitet
die Einsatztruppe
nur eine Nachricht

für das
was sie erwartet
keine Zeit

dann der Befehl
wer nicht will, muss nicht lässt
erstarren

quälende Momente
nur wenige
treten aus den Reihen

Einsatzgruppe D
Todeslisten als
Nachweis-Leistungen

nicht genug Erde
sie alle
zu bedecken

Bilder werden
verdrängt – der innere Abgrund
bleibt

Jahre später
die Aussage
nicht schuldig

* in Anlehnung an den Film: Ganz normale Männer – der vergessene Holocaust (2021)

in "SOMMERGRAS" 148/2025






Bayeux

(als Tandem-Arbeit 2024 mit M. Wendel/Drahtobjekt
zu den Themen "Partnerschaft, Dialog und Frieden"
Ausstellung in Sparkasse Montabaur)



endlose Reihen
weißer Stelen
Soldatenfriedhof …

plötzlich ein Frösteln
auf der Haut

jäh öffnet der Himmel
seine Schleusen –
Paraguas?

zwei fremde Augen
laden mich ein

Für wen? Für wen?*
im gemeinsamen Schweigenn
liegt Unsagbares …

beim Abschied
am Schirmrand
kleine Sonnen

die Berührung
unserer Hände
warm

*Louis Fürnberg (1909–1957), Vogesenballade

in "SOMMERGRAS" 144/2024






ungezählte Namen



abkommandiert
von einem Augenblick
zum anderen

eingeteilt
für die Kinderbaracke
verstörte Augen


nur noch Nummern
der Magen kennt
kein Essen mehr

im Todesbuch
ungezählte Namen
Selbstmordvermerke

am Ende der Angst
ein lautloses Gebet
sinkt zu Boden


überlebt
entwurzelt
die Suche beginnt

die Wälder
schweigen
noch heute

in "SOMMERGRAS" 144/2024






Bis das Licht erlischt


die letzten Schätze
vergraben
bevor sie kommen

untertagee
leben
wochenlang

Kinder spielen
bis das Licht
erlischt

im Schutzkeller
raus, nur raus
Mutter …. ?

nach dem Angriff
aus den Ruinen
schlägt Hitze entgegen

was bleibt
ein paar Möbel
auf der Straße

alles in Trümmern
wo beginnen?
Wie liegt die Stadt so wüst*

*R. Mauersberger, Trauermotette

in "SOMMERGRAS" 143/2023







Zurück

(In Anlehnung an den Film "Birkenau und Rosenfeld" von M. Loridan-Ivens)



Krakau
Im Haus des Vaters
der Kamin – brüchig

Ein Wachturm
am Ende der Bahngleise

Durch hohes Gras
Auf der Suche nach
Baracke neun

Sie ist gekommen
alle zu suchen

Im Kopf
tausend
Gesichter

Ihre Hand streift das Gras …
Hier haben wir gegraben

im Birkenhain
vor dem Stacheldraht –
die Sonne wärmt nicht

Mädchen
kreuzen ihren Weg

Verbrennungsgruben
Ein Stein gleitet
aus ihrer Hand …

– Asche, Asche –
Stimmen singen auf Hebräisch

am Todesblock
Sogar der Himmel
war schwarz

In der Ferne
heulen Hunde






Vor der Stalltür



Am alten Brunnen
durcheinander gewürfelt
Kindersandalen

Im Spitzentanz
über Wiesentau

Lachen und Kichern
und das Quietschen
der Schaukel

Ein Ball knallt
gegen den Stall

Staub rieselt
Spinnenfäden wehen
am Sperrbalken

Zu beiden Seiten
Brennnesseln

Kinderfinger stupsen
die Achtbeinige an –
alle weichen zurück

Mit einem Knarren
öffnet sich die Tür …

Ölgeruch
Ein Sonnenstrahl trifft
Opas Moped


 

letzte Änderung: 12-02-2026