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Claudia Brefeld artgerecht & ungebunden
Rengay
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Rengay
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Rengay - die Gedichtform Kettengedichte (jap.: renga bzw. mod. > renku), wie sie uns in bester japanischer Tradition bekannt sind, erscheinen beim ersten Hinsehen und Verstehen recht kompliziert und formal durchstrukturiert und machen somit bei deren Entstehen eine Schreibleitung unumgänglich. renga-/renku-Formen bestechen durch ihre Vielfältigkeit und Themenwechsel innerhalb der Werke und durch ihre unterschiedlich festgelegten Längen. Gerade die Länge eines renga/renku kann aber auch in mehrfacher Hinsicht Schwierigkeiten bereiten: zum einen ist es problematisch, während einer renga-/renku-Sitzung ein gesamtes Werk entstehen zu lassen, zum anderen findet man selten Werke dieser Länge (bekannteste renga-/renku-Form ist das kasen mit 36 Strophen) in Zeitschriften veröffentlicht.
Auf Grund dieser Problematiken suchte der Amerikaner Garry Gay nach Alternativformen und konzipierte eine Themen orientierte Kettendichtung, bestehend aus sechs Strophen, die in der Regel von zwei oder drei Autoren/innen geschrieben werden - das Rengay. Der Begriff Rengay setzt sich aus der Silbe ren (von renga/renku, ren > verbunden) und den Nachnamen Gay zusammen. Trotz der namentlichen Ähnlichkeit handelt es sich bei renga/renku und Rengay um zwei völlig verschiedene Formen.
Das Rengay besitzt ein definiertes Strophenmuster. Ursprünglich für zwei Autoren gedacht (A und B) entstand zuerst folgende Struktur:
A - 3-zeilig B - 2-zeilig A - 3-zeilig
B - 3-zeilig A - 2-zeilig B - 3-zeilig
Später wurde eine Vorlage für drei Autoren (A, B und C) erarbeitet:
A - 3-zeilig B - 2-zeilig C - 3-zeilig
A - 2-zeilig B - 3-zeilig C - 2-zeilig
Das renga/renku ist geprägt vom Anskizzieren eines Jahreslaufes, seine Lebhaftigkeit und Fülle zieht es
aus dem breiten Spektrum der Themen und dem Spiel zwischen den
Dichtern/innen. Demgegenüber stellte Garry Gay das Rengay, dessen Tiefe und Intensität durch das Verweilen in einem Moment entsteht. Zu Beginn der Sitzung wird ein Thema festgelegt. Themenbeschränkungen gibt es keine, wobei sich ein Rengay im trad. Stil bewusst einer Jahreszeit zuordnen wird. Und natürlich sollten sich die Beteiligten vorher einigen, ob die Verse im 5-7-5 und 7-7-Silbenmuster (in Anlehnung an die Moren-Zählung*) geschrieben werden, oder in freier Silbenzahl. Die Überlegung, ob eine lineare Folge eingehalten wird, Anschlüsse und Sprünge zwischen den Strophen vorgesehen sind, oder aber die Prinzipien „link“ und „shift“ als bewährte Methode genutzt werden, sollte vorab von den Autoren/innen geklärt werden. Es muss also nicht zwingend am vorherigen Vers angeknüpft werden, eine Verkettung z.B. zum Startvers oder ein Rückwärtsschreiten ist ebenfalls denkbar.
Nach Abschluss der Dichtung gilt es, eine Überschrift zu finden, die in der Regel ein charakteristisches Wort oder eine Wortkombination aus dem Werk aufgreift. Alles in allem also eine attraktive Form der Gemeinschaftsdichtung, die nicht zuletzt auf Grund ihres überschaubaren Regelwerkes zum kreativen Experimentieren einlädt (z.B. Gabel-Rengay, Sternen-Rengay, Geheimnis-Rengay).
An dieser Stelle sei das Ein-Autoren-Rengay erwähnt, eine interessante, aber zugleich auch anspruchsvollere Alternative zur Sequenz oder zum Themen-Zyklus. Die Schwierigkeiten beim Komponieren eines Ein-Autoren-Rengay sind schnell erkennbar. Das Spannungsgefüge, das sich aus den zwei (drei) unterschiedlichen Sichtweisen der Autoren/innen ergibt, wird hier zur besonderen Herausforderung: ein Autor müsste mit zwei inneren Stimmen schreiben. Das Unerwartete, der unvorhersehbare Dreh erfolgt hier von ein und derselben Person. So gesehen dürfte der Ausgang des Rengay schon zu Beginn angedacht sein. Eine Qualitätskontrolle der Autoren/innen untereinander kann nicht stattfinden. Aber auch hier gilt: Thema, Struktur und die Haiku-Qualität der einzelnen Verse müssen eingehalten werden.
Garry Gay ist Berufsfotograf (seit
1974) und Dichter. Beeinflusst durch Bashōs „Oku no Hosomichi“ begann er
1975 Haiku zu schreiben. Er war Mitbegründer der „Haiku Poets of Northern
California“ und in den Jahren 1989-1990 ihr erster Präsident. 1991 wurde
er zum Präsidenten der Amerikanischen Haiku-Gesellschaft (HSA) gewählt.
*Jede Mora (Mehrzahl Moren) wird in Kana (= jap. Schriftzeichen) durch
jeweils ein Zeichen wiedergegeben und gilt in der Poesie als rhythmische
Einheit. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der Silbe. Siehe auch
Mora. Trotzdem wird allgemein der Begriff Silbenschema
verwendet.
Claudia Brefeld
(6-2-2007)
Literatur:
Garry Gay on Rengay (Stand 6-2-2007): http://www.nc-haiku.org/pdf/RengayWriting.pdf
The Long Way Home - Garry Gay (Stand 6-2-2007): http://www.brooksbookshaiku.com/ggayweb/
Joan Zimmerman - The Rengay Verse Form (Stand 6-2-2007): http://www.baymoon.com/~ariadne/form/rengay.htm
Haiku heute - Garry Gay talks with Udo Wenzel : The Moment of Awe (Stand 6-2-2007): http://www.haiku-heute.de/Archiv/Garry_Gay_04-2006/Garry_Gay_e_04-2006/body_garry_gay_e_04-2006.html
Haiku heute - Gerd Börner: ”Das Rengay” (Stand 6-2-2007):
http://www.haiku-heute.de/Archiv/Rengay_Gerd_Boerner/rengay_gerd_boerner.html
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letzte Änderung: 29-12-2011